30 Jahre mit Shiatsu – warum es mir immer noch Freude macht
17. Oktober 2017
Der Geist von Wien
18. Oktober 2017
Alle Beiträge zeigen

ESC 2017 in Wien – persönliche Eindrücke einer ShenDo Shiatsu Praktikerin

Europäischer Shiatsu-Kongress 2017 in Wien

Etwa ein Jahr ist es her, da sah ich bei einem ShenDo-Meisterkurs am Ammersee mit Mike Mandl die Werbung für den 5. Europäischen Shiatsu Kongress in Wien. Mikes Begeisterung für ein großes Treffen von Shiatsu-Praktikern aller Stilrichtungen und Schulen – damit wir nicht alle alleine im stillen Kämmerlein vor uns hinpuzzeln, sondern sehen, dass wir viele sind und vieles bewirken können – war sofort ansteckend. Spannend wurde es im Februar, als das Programm fertig stand und die Angemeldeten ihre Prioritäten für die Workshops angeben konnten. Nun durfte ich mich bei 14 Zeitfenstern jeweils zwischen 6 bis 8 parallel angebotenen Alternativen zu entscheiden. Zur Auswahl standen große Namen und interessante Themen und die Vorfreude stieg schon da an. Je näher der Kongress rückte, desto öfters bekam ich kurze Nachrichten zum Ablauf, links zu Videobotschaften der geladenen Sprecher, Anregungen über die facebook-Seite und so weiter, und auch jetzt, nach dem Kongress, bietet die home page (www.europeanshiatsucongress.eu) viele links zu Artikeln der Sprecher, mit denen sich die Themen der Workshops wunderbar vertiefen lassen. Für die äußerst professionelle und dabei unaufgeregte und herzliche Organisation haben Mike und sein Team ein dickes Lob verdient. Und ja, wir waren viele – über 500 Shiatsu-Praktizierende waren angemeldet, darunter acht von ShenDo Süd!

 

 

Der Kongress stand unter dem Motto „Shiatsu als Therapie“ – da zuckt eine deutsche Shiatsu-Praktikerin erstmal zusammen, da wir ja ohne eine entsprechende zusätzliche Qualifikation nicht therapeutisch tätig sein dürfen. Aber in anderen Ländern ist das zum Teil anders und, wie uns Wilfried Rappenecker in einer Podiumsdiskussion erinnerte, war die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Begleiten und Unterstützen. Bill Palmer ging in seinem wunderbaren Workshop „Movement Shiatsu“ darauf ein, dass im modernen Shiatsu zunehmend der „Doktor“-Archetypus eine wichtige Rolle spielt, mit der Attitude des „ich weiß was Dir fehlt“, mit dem hierarchische Gefälle in der Beziehung zwischen Praktikerin und Klientin (Elter-Kind-Beziehung), der oft verwendeten weißen Kleidung und so weiter. Und, wie er sagt, in einigen Situationen wünschen sich das die Klienten, zum Beispiel bei akuten Beschwerden, wo man sich einfach mal umsorgen lassen möchte. Oder bei Managertypen, die soviel selbst entscheiden und machen müssen, dass sie sich danach sehnen, mal jemandem anderen das Steuerrad zu überlassen. Aber bei den vielen chronischen Beschwerden und Themen unserer Klienten und bei Situationen, die nicht im klassischen Sinne heilbar sind, wäre eine Beziehung auf Augenhöhe viel mehr angebracht, zwischen Elter und Elter oder, noch besser, zwischen Kind und Kind. Durch seine Arbeit mit Kindern, die an Zerebralparese leiden, lernte Bill, dem Qi zu vertrauen. Er sieht seine Aufgabe darin, den Shiatsu-Empfänger darin zu unterstützen, dass das Qi seine Arbeit tun kann. Wichtig ist ihm auch, dass nicht die Probleme oder das, was die Klientin nicht kann, in den Vordergrund gestellt wird, sondern die vorhandenen Fähigkeiten. Seine demonstrative Anti-Guru-Haltung machte mir viel Lust auf mehr Workshops mit ihm und sein bonmot „harmony is a harmful concept“ bekam einen Ehrenplatz hinter dem Spiegel!

 

 

Sehr beeindruckt hat mich auch Nick Poles Workshop „Kommunikation mit Zen Grundhaltung“. Mit Freiwilligen führte Nick vor, wie sich mit den sogenannten clean questions die rechte Hirnhälfte der Klienten aktivieren und die Aufmerksamkeit in den Körper bringen lässt. Dadurch kommt der Body Mind auch mal zu Wort, dem unser in der linken Hirnhälfte befindlicher und immer so arg beschäftigter rationaler Mind nie zuhören möchte. Das clean language-Konzept lädt die Klienten ein, immer besser hinzuspüren, was der Body Mind sagen möchte und der Gebrauch von Metaphern und Gesten signalisiert der Zuhörerin, wann der Body Mind spricht. Die Herausforderung an die Praktikerin ist dabei, beim Fragen eigene Konzepte und Vorstellung bewusst draußen zu lassen, daher die Verwendung vorgefertigter Fragen und Wiederholung dessen, was die Klientin sagt. Nicht so einfach, aber spannend! Gut, dass der Kongress-Buchladen auch Nicks Buch „Words that touch“ führte und ich mich in diese sehr interessante Arbeit weiter einlesen kann.

 

Gayaka nannte seinen Workshop „Shiatsu jenseits von Therapie“. Er stellte als Eckpfeiler unserer Arbeit das BUM-Konzept vor: Berühren und Begegnen, Umarmen und Meditation. War ich anfangs gespannt, ob sich in der begrenzten Zeit des Workshops (2.5 h) unter lauter neuen Leuten der Shendo-Herzensgeist entwickeln würde, spürte ich ihn nach Atemöffnern, Herzmeditation und Übungen im Umarmen auf drei Stufen (Kopf, Brust, Hara) beim anschließenden Shiatsu deutlich im Raum und die herzliche und begeisterte Stimmung drückte sich auch im langanhaltenden Schlussapplaus aus. Und es gäbe noch viel mehr zu berichten, von den anderen spannenden Workshops und leichtfüßigen Tänzern am Galaabend, von unerwarteten Begegnungen und berührenden Gesprächen, von Shiatsu-Sessions mit Praktikern anderer Schulen, die für beide Seite interessante Einblicke erlaubten, und und und. Aber schaut es Euch doch einfach beim nächsten Mal selber an, in drei Jahren ist der nächste Kongress!

 

         

 

Dr. Anna Friedl, ShenDo Shiatsu Praktikerin aus München